ANgeDACHT
Erntedank – Wann haben Sie sich zuletzt gesegnet gefühlt?
Erntedank ist ein Fest der Fülle. Wir danken für das, was gewachsen ist: auf den Feldern, in den Gärten, auf den Balkonen, aber auch in unserem Leben. Wo habe ich Fülle erlebt? Und wo vielleicht auch überraschend Segen erfahren?
Im Seminar für pastorale Ausbildung wurde uns in einer Kleingruppe kürzlich eine einfache, aber sehr persönliche Frage gestellt: Wann haben Sie sich zuletzt gesegnet gefühlt? Keine theologische Definition, keine richtige oder falsche Antwort – sondern eine Unterbrechung des Seminaralltags zwischen den Diskussionen, wie groß man das Kreuzzeichen beim Abendmahl macht und welche Schuhe unter dem Talar okay sind. Ein kurzer Moment des Innehaltens.
Im Anschluss haben wir eine Segenshaltung eingeübt: Arme öffnen, Segen fließen lassen, nicht festmachen müssen. Eine Körperhaltung, die ausdrückt, was sich innerlich oft schwer in Worte fassen lässt: Ich bin beschenkt. Ich empfange mein Leben nicht nur aus eigener Kraft.
Was für eine Frage: Wann habe ich mich zuletzt gesegnet gefühlt?
Vielleicht war es ein ganz unspektakulärer Moment: ein gutes Gespräch, ein stiller Augenblick am Morgen. Vielleicht auch etwas Größeres: eine überstandene Krise oder eine Begegnung, die getragen hat.
Bei mir war es diese Situation: In einem Gespräch wurde ich nach meinem Konfirmationsvers gefragt. Ein Teil davon lautet: „Musst du durchs Wasser gehen, so bin ich bei dir. Auch in reißenden Strömen wirst du nicht ertrinken.“ Das sagt Gott, die Ewige, ihrem Volk zu. Ich wurde daran erinnert, dass das wahr sein darf und gilt. Welch ein Segen für mich in diesem Moment, diese Erinnerung an Gottes Zuspruch. Da habe ich Gottes Geist mit im Raum gespürt.
Erntedank kann dann bedeuten, sich genau dafür zu öffnen: den eigenen Blick zu weiten und zu fragen, wo Gott bereits da ist oder war. Nicht nur im großen Gelingen, sondern auch im Alltäglichen. Nicht nur im Offensichtlichen, sondern auch in dem, was leise trägt.
Vielleicht lohnt es sich in diesen Wochen, sich einmal zu fragen: Wann habe ich mich zuletzt gesegnet gefühlt? Ich glaube, diese Frage verändert unseren Blick: weg von dem, was fehlt, hin zu dem, was da ist. Weg von dem, was wir festhalten wollen, hin zu dem, was wir empfangen dürfen.
Erntedank erinnert uns daran: Das Leben ist nicht nur Ergebnis eigener Leistung. Es ist Gabe. Und wo Gabe ist, da ist – im tiefsten Sinne – Segen.
Bleiben Sie behütet!
Ihre Vikarin Maren Günther